Sibiu/Hermannstadt – daraus lassen sich ein paar Geschichten machen

I
Eine kleine hellblaue Propellermaschine mit farbenfrohen Sitzen bringt ungefähr 80 Insassen von Wien nach Sibiu. Der ruhigste Flughafen der Welt empfängt uns mit großen Glasfronten, die Schritte und Sätze hallen nach. Drei Volontärinnen des Festivals warten mit ihren Schildern, bis alle die kleinen und seltsam kunststoffartigen Scheine aus dem Geldautomaten gezogen haben. 1 RON (Rumänischer Leu = Löwe) entspricht 0,225 EUR. Am Horizont liegen ruhig und blass die Karpaten. Ein Bus fährt uns durch die Stadt und sämtliche angrenzende Wäldchen zum Hilton Hotel, das neben seiner luxuriösen Ausstattung auch mit weiteren Annehmlichkeiten aufwartet: Es liegt direkt neben dem Zoo von Sibiu, der mindestens einen traurigen Tiger und mehrere weiße Pfauen beherbergt. Auch das Freilichtmuseum ist nur ein paar Gehminuten entfernt. Angeblich werden kleinere Städte in den Karpaten um diese Jahreszeit von Braunbären heimgesucht. Eine Dichte von 150.000 Einwohnern ist den Bären jedoch wahrscheinlich zu wenig intim.

II
Das Sibiu Festival ist voller Superlative und imposanter Zahlen. Hier sind einige davon:
20 Jahre (wie wir!)
350 Shows
66 Spielorte
60.000 Zuschauer pro Tag
1200 Volontäre
70% der Zuschauer sind unter 28 Jahren

III
In Sibiu haben nicht die Wände Ohren, sondern die Häuser Augen. Überallhin folgen uns pastellfarbene Blicke, auf unseren Wegen durch die mittelalterlichen Gassen, an den spitzgiebeligen Türmchen vorbei, über den großen Marktplatz, zwischen den verschiedenen Spielorten hin und her. Eine alte Frau strickt einen ellenlangen Schal in blau, rot und gelb – den rumänischen Nationalfarben – und trinkt ihren Kaffee in schwarz. An jeder Ecke stehen Clowns, die Luftballonfiguren fabrizieren oder Softeis verkaufen. Auf den Straßen kann man Blumengebinde in den unterschiedlichsten Farben und Formen kaufen, aber auch gasgefüllte Micky Mäuse und leicht zerkratzbare Sonnenbrillen. Viele Ältere sprechen noch etwas Deutsch. Heute sind es geschätzt nur etwa 1,6% Deutsche im ehemaligen Hermannstadt.

IV
Constantin Chiriac, der Leiter des Festivals de la Sibiu, berichtet, dass Sibiu in seiner langen Geschichte niemals angegriffen worden ist. Man sagt hier »only the artists conquered the city« und: »Culture is the engine of development«. 2007 war Sibiu gemeinsam mit Luxemburg Kulturhauptstadt Europas. Spuren davon, gelbe Sternchen auf blauem Grund, finden sich in der ganzen Stadt. Allerdings ist sichtbar, bis wohin die Strahl- und Sanierungskräfte der EU wirksam geworden sind – es bleibt ein deutlicher Rand.

V
Einige von uns fahren am nebligen und regnerischen Freitag zu zehnt in einem Kleinlastwagen zum Salzsee, baden. Niemand sonst geht ins Wasser, die Bierbänke des Imbisses sind leer. Zum Glück gibt es große Literflaschen mit selbstgebranntem Pflaumenschnaps zu kaufen.

VI
Am Abend der Performance von »Continu« schüttet es wie aus Kübeln. Zwar ist unsere Show nicht Open Air geplant wie die einiger anderer Festivalgäste, aber die Produktionsleiter des Festivals wiegen dennoch bedenklich die Köpfe. Die Wassermassen lasten schwer auf dem Dach des Theaters, auf der Seitenbühne tröpfelt es auf den Boden. Die Techniker hasten herum, um alle elektrischen Geräte und die Transistoren mit Plastikfolie abzudecken. Der befürchtete Stromausfall bleibt jedoch aus. Auf Rumänisch heißt »Unwetter« furtună. Glück gehabt.

VII
Zurück am Rollfeld. Nach eben noch strahlender Sonne brechen die Wolken auf, es gibt Wind, Sonne und Regen im Wechsel, Inselwetter. Am stillen und sauberen Flughafen, diesem seltsamen Schwellenort, der nicht mehr ganz Sibiu ist und noch nicht Wien oder Berlin, kommt Sergiu Matis, Ensembletänzer aus Rumänien, ins Erzählen.