Berliner Zeitung 1. 3. 2006
Die Geilheit unter der Puderperücke
Wolfgang Fuhrmann
In der Oper gewesen. Begeistert. Sehr oft kann man das nicht von sich sagen - und nun ist es dreimal in kurzer Zeit passiert, dass man ein Berliner Opernhaus geradezu berauscht verlassen hat. An drei radikal unterschiedlichen Abenden hat sich das Gefühl eingestellt, hier gehe es um
etwas, das die Welt betrifft, in der wir leben.
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Das zeigte sich am schönsten in Sasha Waltz' umjubelter "Dido and Aeneas"-Inszenierung vom Vorjahr, die die Staatsoper am Montag und Dienstag im Rahmen ihrer
Cadenza Barocktage noch einmal aufgenommen hat; beide Vorstellungen waren schon Wochen vorher ausverkauft. Waltz hat die tragische Liebesgeschichte zwischen Dido, der Königin von Karthago, und Aeneas, der sie verlassen muss, um Rom zu gründen (Männer und ihre großen Pläne!), mit diesem einfachsten Mittel des Theaters, dem menschlichen Körper, inszeniert.
Purcells Musik lebt ja von der Direktheit, mit der einfache und geschlossene Formen, das Lied und der Tanz, in den Dienst des dramatischen Ausdrucks gestellt werden. Diese Nähe der Musik zur inneren und äußeren Bewegtheit hat
Waltz in eine Körpersprache übersetzt, welche kompliziert stilisierte Bewegungsabläufe aus der Sphäre des Höfischen konfrontiert mit einfachen Gesten des intelligenten Tiers Mensch. Eine Szene gegen Ende der Oper führt das aufs Eindringlichste vor: Wie Dido und Aeneas singend voneinander Abschied nehmen, umgeben von Leibern, die in immer erneutem Anwogen zueinander streben und doch nicht zueinander können.
Bezwingend ist der Abend aber auch in dem, was er Purcells Oper hinzufügt. So im Prolog, dessen Komposition nicht erhalten ist: Eine Reihe von Tänzern steht hoch oben über einem grünlich leuchtenden Behältnis. Während die
Sprecher nun die Wassergeister beschwören, die Nymphen und Nereiden, stürzt sich plötzlich ein Tänzer in dieses Behältnis, das sich als ein durchsichtiges Wasser-Bassin entpuppt. Er gleitet hindurch, seine Kleidung bauscht sich im dämmrigen Gegenlicht: ein Wassergeist. Und einer nach dem anderen der Tänzer tummelt sich nun schwerelos im nassen Ballett, in einer Choreografie des Berührens und Entweichens.
Das Gegenbild zu diesem Naturzustand, das Entstellende und Einschnürende des Hofzeremoniells, wird später in einer hoch komischen Szene vorgeführt, bei der ein grämlicher Zeremonienmeister seinen Opfern den rechten Knicks lehrt; sie kommt ganz ohne Musik aus.
Die Welt 03.02.05
Die Poesie der kleinen Operndinge
Manuel Brug
Gemeinsam mit dem feinfühlig die großartigen Musiker der Berliner Akademie für Alte Musik stimulierenden Dirigenten Attilio Cremonesi hat Waltz die verlorene Musik des Prologs durch andere Purcell-Stücke ersetzt, fehlende Tänze ergänzt und mit stummen Szenen die Bruchstellen in der atemlosen Opernsaga betont, in der sich das tragische Liebespaar, kaum gefunden, schon wieder lösen muß: den Hof Charles II., nur mit Musik unterlegte »Masques« gewohnt, hätte es nicht länger auf den Stühlen gehalten. 100 Minuten dauert das nun in seiner modernen Form. Kondensierte Opulenz, die royale Zeremonie als ein das wahre Leben überhöhendes Opernfest.
taz 21.02.05
Meeresleuchten
Katrin Bettina Müller
Musik ist immer Gegenwart im Moment ihrer Aufführung, das hat sie der bildenden Kunst voraus. »Dido & Aeneas« ist die erste Operninszenierung der Berliner Choreografin Sasha Waltz, die den Tanz nicht in der marginalen Rolle als höfisches Zwischenspiel belässt, sondern die Oper von Henry Purcell in ein sehr berührendes Tanzstück weiterentwickelt hat. Der Tauchgang im ersten Bild ist programmatisch für den Duktus der Bewegung: vielgestaltig, elementar und in breiten Bildkompositionen angelegt. Als ob sich die Töne der Komposition Purcells an die Füße der Tänzer heften könnten und mit ihnen den Raum wieder und wieder überschwemmten.
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Für »Dido & Aeneas« lässt Sasha Waltz sich erstmals auf die Erzählung einer Handlung ein, aber anstelle der Solisten, die jeweils mit einem Sänger und einem Tänzer besetzt sind, hat sie den Chor und das Ensemble zu den Hauptträgern der Handlung gemacht.
Neues Deutschland 21.02.05
Ironie und Innigkeit
Laura Naumburg
Aber was Sasha Waltz zu Henry Purcells Oper »Dido und Aenas« choreografiert hat, überwältigt. Jedes ihrer Bilder schichtet Bedeutungsebene auf Bedeutungsebene. Mit Worten kaum erfassbar, erlauben sie das eigentlich unmögliche, irrationale: ein emotionales Verstehen all dessen, was nicht gesagt, kaum musiziert, dennoch wohl gemeint ist. Im Prolog, der im Meer spielt, lässt Sasha Waltz ihre Tänzer in einem Aquarium einander umspielen und umschwimmen. Man sieht die munteren Begleiter des Gottes Poseidon, man sieht das Wasser als Ursprung allen Lebens, man sieht das nimmer wiederkehrende Goldene Zeitalter, man sieht, als das Wasser abgelassen wird, die Vertreibung aus dem Paradies, man sieht die Menschen, auf die harte Erde geworfen, sich dort einrichten–alles in einem szenischen Bild.
Die Zeit 06/2005
Neobarocke Wasserspiele
Volker Hagedorn
Die 41-jährige Choreografin Sasha Waltz, gefeiert als Entgrenzerin des Tanztheaters, startet mit einem Hechtsprung in ihre erste Oper, und der Schwung hält an wie auch die Sinnenlust, mit der sich im brodelnden Wasser eine wachsende Zahl von Tritonen nebst Zivilisten in voller Montur tummelt. Das ist mehr als ein eyecatcher, es dient auch als leuchtender Hintergrund eines musikalischen Prologs, der eigentlich verschollen ist. Nur die Texte des Nahum Tate blieben vom Vorspiel der Oper, die 1689 in einem Londoner Mädchenpensionat uraufgeführt wurde. Zu ihnen hat Attilio Cremonesi, barockerfahrener Dirigent des Abends, aus Purcells Œuvre Passendes gefischt, und die Akademie für Alte Musik Berlin spielt auf dem Instrumentarium des Barock so lustvoll und pointiert, wie die Choreografin ihre Bilder formt.