Süddeutsche Zeitung 16.9.2006
360º Strahlkraft
Mit der Uraufführung von Sasha Waltz’ „Dialoge 06 - Radiale Systeme“ wurde das Radialsystem, ein neues Haus für die Berliner Künste, in Betrieb genommen
Eva-Elisabeth Fischer
Irgendwann, wenn man seiner Neugier endlich hemmungslos nachgibt, gelangt man doch noch in eine Sackgasse. Man steht etwa vor der verschlossenen Stahltür des Technikraumes im Untergeschoss, ist vielleicht in den einzigen Winkel des fünfstöckigen Gebäudes mit seinen gut 3000 Quadratmetern Nutzfläche geraten, wo niemand eine Fiedel kratzt und einem kein Tänzer waghalsig von einem Treppengeländer entgegenbaumelt. Das Radialsystem, Jochen Sandigs jüngstes, geradezu elefantöses Berliner Baby nach dem Tacheles und den Sophiensälen, in die Welt gesetzt in einem ehemaligen Wasserpumpwerk an der Spree, besteht durch „Dialoge 06 – Radiale Systeme“ von Sasha Waltz glänzend seine Premiere als variabelbespielbarer Ort für die Künste.
Das Radialsystem ist ein Solitär unter den Solitären, die dieser Tage (wieder)eröffnen: dem Festspielhaus in Hellerau als Reprise einerhundert Jahre alten und
gleichwohl in ihrer flexiblen Nutzbarkeit frischen Moderne, den Neubau des Hans-Otto-Theaters in Potsdam – wie das Radialsystem am Wasser gelegen und eine Synthese des Alten und Neuen. Der glückliche Zufall dieser Reihung. Mag als Beweis aufgefasst werden, dass die zeitgenössischen Künste endlich ihren Bedürfnissen entsprechende
Gehäuse bekommen. In den achtziger Jahren waren sie in vergammelte Fabrikgebäude gezogen, weil die herkömmlichen Guckkästen nicht brauchbar waren für sie. 25 Jahre später lassen sie – auch logistisch – viele der maroden Behausungen einstmals feudaler, dann bildungsbürgerlicher Kultur hinter sich.
Angesichts der neuen Spielstätten lässt sich auch sagen, dass das ehemals alternative Theater, das in seinen Anfängen, notdürftig ideologisch gepolstert, den Bierbank-Komfort in schlecht geheizten Zirkuszelten und zugigen Hallen kultivierte, nun schickes Design und Bequemlichkeit bevorzugt. Das Radialsystem, ein imposanter Bau der Gründerjahre, wurde von Architekt Gerhard Spangenberg zu einem funktionalen Kubus erweitert. Verglaste Räume schaffen Transparenz unter Wahrung notwendiger
räumlicher und vor allem akustischer Abgrenzung. Über vier Spielräume verfügt das Haus, der größte von ihnen misst 600 Quadratmeter und ist wie Hellerau mit einem versenkbaren Orchestergraben ausgestattet. Die schönste Akustik hat der Saal unterm Dach, glasklar und dennoch
nicht zu trocken.
Es waren an diesem Abend der „Dialoge 06“ denn auch vor allem barocke Ohrschmeichler, die die Akademie für Alte Musik und das Vokalconsort, künftig wie Sasha Waltz & Guests hier beheimatet, spielten und sangen. Der Titel des Abends, eine musikalische und tänzerische begehbare Installation, ist Programm. Wie schon im Jüdischen Museum und im Palast der Republik sucht Sasha Waltz den Austausch von Tanz und Architektur, spielt mit den Möglichkeiten und Grenzen einer natürlichen Verwandtschaft. Denn was wäre Choreographie anderes als bewegte Architektur, deren räumlicher Faktor ergänzt wird durch den Faktor Zeit.
Der Tänzer wirkt als skulpturales Element in einem an sich nüchternen, durch Licht und Klang strukturierten Raum. Den Dialog stiftet die Musik. Ein traditionelles, weithin überkommenes Verhältnis steht auf dem Prüfstand. Denn kaum ein zeitgenössischer Choreograph lässt
heute noch zu Musik tanzen. Bei Waltz tragen ein Bläser und ein Tänzer sogar einen veritablen Ringkampf aus. Dass hier Telemann, Vivaldi, Purcell und Bach erklingen, dass Madrigale von Dowland, Morley und Orlando di Lasso intoniert werden, lässt das gewandelte Verhältnis augenscheinlich hervortreten. Im Barock erlebte der Tanz seine Blüte, wurde das Vokabular der Danse d’ecole kodifiziert. Im Dachgeschoss verbiegen sich drei Gestalten in riesigen gepolsterten Papierumschlägen sozusagen als Muster-ohne-Wert-Sendungen zu Bachs d-Moll-Partita für Violine, gespielt voneiner umhergehenden Geigerin. Es handelt sich ausge-rechnet um jenes Stück, an dem William Forsythe vor mehr als 20 Jahren in „Artifact“ die Flüchtigkeit des Tanzes demonstrierte, indem er ein ums andere Mal den Vorhang über dem Bühnengeschehen niederknallen ließ. Bei Waltz sieht man die Tänzer nicht einmal mehr.
Im Untergeschoss hingegen winden sich halb nackte Gestalten in einem winzigen Verlies ungeschützt vor den gierigen Blicken der Zuschauer, die sich um ein wackeliges Geländer drängen. Man gerät mehr und mehr in den Sog sich wandelnder Bilder und Klänge, sieht stumme Tänze zur „falschen“ Musik durch dicke Scheiben in Treppenaufgängen, trifft, durch das Riesenhaus mäandernd, auf ihrerseits wandernde Tänzer und Musiker.
Man hört das Bild und sieht den Klang. Man erkennt die Akteure alssolche und wird doch auch selbst zum Akteur. Alles bewegt sich und strahlt auf das jeweils andere ab. Ein Radialsystem – faktisch wie ideell.